| Interdisziplinäres Blockseminar Politik, Wirtschaft, Recht - WS 1998/99 - Thesenpapier von Dipl.-Pol. Bruck M. Kimmerle - Update: 13.04.04 16:56 Uhr - www.uni-halle.de/politik/rode/infosanktionen.htm |
| Wirtschaftssanktionen:
Politik, Recht, Wirtschaft |
| Informationssanktionen
Bild-Quelle: ECONOMIST, March 8th-14th 1997 |
1. Theoretische Grundlage: Paradigmen-Wechsel
Ausgehend von Theorien der Informationsgesellschaft und von medien- und
kommunikationstheoretischen Analysen gilt Information als komplexitätsreduzierende und
Orientierung vermittelnde Schlüsselvariable in sozialen Systemen, welche unter
Bedingungen der post-industriellen Gesellschaft und im Kontext der Globalisierung einen
entscheidenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert erhält.
"Information" sei hier als strukturiertes und mittels Technologie kommuniziertes
Datenmaterial verstanden, welches durch subjektive Assoziation zu Wissen verdichtet werden
kann und damit den Kern der "Wissensgesellschaft" bildet. Eingriffe in die oder
Veränderungen der Modi des Informationsflußes führen zu positiven oder negativen
Auswirkungen auf Teile eines sozialen Systems oder/und zur Veränderung des gesamten
sozialen Systems bis hin zum Zusammenbruch (vorallem auch der wirtschaftlichen und
staatlichen Tätigkeit). Auftrieb erhält diese Sichtweise u.a. durch die "digitale
Revolution", die globale Vernetzung sozialer Systeme und Volkswirtschaften via
intensivierter Interaktion ihrer Subsysteme über räumliche und staatliche Grenzen hinweg
und durch technologische Entwicklungen auf dem Gebiet der Computer-Technik (technische
Vernetzung).
Hiernach können mindestens folgende Ansatzpunkte für das Thema des Seminars isoliert werden:
Ergo: Grundsätzlich könnten sich negative Sanktionierungen über den Faktor "Information" zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehr gut zur (unilateralen) Führung von politischen, militärischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Konflikten im transnationalen System und zur Eindämmung von agressiven oder systeminkonformen Akteuren (ethnische Konflikte, Fundamentalismus, nicht-staatliche Gegner) eignen. Der Begriff "international" wird hier aufgrund der Implikationen - aber auch der Voraussetzungen, d.h. der möglichen Akteurskonstellationen - eines solchen Ansatzes bewußt vermieden. Ansatzpunkte wären die vorgenannten Kategorien "Software", "Hardware" und "Prozeß", in die mittels neuer Strategien und Konflikt-Technologien negativ-manipulativ eingegriffen wird.
Interdisziplinäre Diskussionsansätze:
2. Ein friedliches Fallbeispiel: Der Konflikt um die EU-Datenschutzrichtlinie
Die Richtlinie
95/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz
natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien
Datenverkehr harmonisiert den Datenschutz zwischen den EU-Mitgliedstaaten zwecks
Herstellung eines ungehinderten Datenflußes im gemeinsamen Markt und sollte eigentlich
bis zum 23.11.1998 in nationales Recht umgesetzt sein. "Die Mitgliedstaaten
gewährleisten nach den Bestimmungen dieser Richtlinie den Schutz der Grundrechte und
Grundfreiheiten und insbesondere den Schutz der Privatsphäre natürlicher Personen bei
der Verarbeitung personenbezogener Daten." (Art. 1).
Kapitel IV regelt, daß Übermittlungen "personenbezogener Daten, die Gegenstand einer Verarbeitung sind oder nach der Übermittlung verarbeitet werden sollen, in ein Drittland..." nur zulässig sind, "wenn dieses Drittland ein angemessenes Schutzniveau gewährleistet" (Art. 25 Abs 1). Hieraus folgt de facto eine negative Sanktionierung des Informationsflußes ("Prozeß") und des Faktors "Information" als Wirtschaftsgut ("Software") gegenüber Drittländern, welche den europäischen Standards nicht entsprechen. Ziel: Verteidigung europäischer Standards gegen alternative Konzepte. Diese Lage ist auf dem Hintergrund der transatlantischen Wettbewerbssituation in bezug auf den Ordnungsrahmen des "Information Age" oder des "Information Highway" zu sehen und vollzieht sich dergestaltig in einem konfliktuell-kompetitiven Umfeld. Wichtig: Die freiwilligen Datenschutz-Standards der US-Wirtschaft gelten in diesem Zusammenhang als nicht angemessenes Schutzniveau.
3. Ein nicht ganz so friedliches Beispiel: Information Warfare, Cyberwar und Netwar
Dieser aktuell
mit Schwerpunkt in den USA diskutierte Ansatz sieht zukünftige Konflikte eingebunden in
dezidierte Doktrinen von verschiedenen Formen der Informationssanktion auf allen
Konfliktebenen: Low Intensity, Mid Intensity und High Intensity. Solche Info-Konfilkte
vollziehen sich hiernach in Netzwerken staatlicher und nicht-staatlicher Akteure ohne
klare Fronten und in verschiedenen Räumen. Der Ansatz schließt auch interne soziale
Konflikte ein und zielt auf eine Konfliktaustragung mit Mitteln des "Information
Age".
You may not be interested in war, but war is interested in you." (Zitat in: Gray 1997: 1)
The Way any society engages in conflict reflects the way it does a lot of other things - especially the way its economy is organized." (Alvin and Heidi Toffler, in: Arquilla, John / Ronfeldt, David 1997: Foreword 13)
Konfliktmuster: Staat gegen Staat, Staat gegen Nicht-Staat (et vice versa), Nicht-Staat gegen Nicht-Staat
Cyberwar: |
High-Intensity-Conflicts (HIC), Major Regional Conflicts (MRC) |
Netwar: |
Gesellschaftliche Konflikte, Low-Intensity-Conflict (LIC), Operations-Other-Than-War (OOTW), nichtmilitärische Konflikte |
Einige Erscheinungsformen:
Umfang der Diskussion (Start Anfang/Mitte der 90er):
Entwicklung von entsprechenden Militär-/Polizeidoktrinen (insbesondere in den USA); in diesem Zusammenhang Forderung nach Herausbildung von hybriden Strukturen aus militärischen Hierarchien und Netzwerk-Organisationen. Deep Coalitions" (Tofflers) zwischen Staaten, NGOs, TNCs, Transnational Criminal Organizations (TCO), etc. Strategisches Ziel: Information Dominance" im Battle Space".
Literaturauswahl zu Punkt 3:
Arquilla, John / Ronfeldt, David: Cyberwar is Coming!, in: Journal of Comparative Strategy, Ausgabe 2 1993, S. 141-165Arquilla, John / Ronfeld, David: The Advent of Netwar, RAND 1996
Arquilla, John / Ronfeldt, David: Preparing for Information Age Conflict. Part 1: Conceptual and Organizational Dimensions, in: Information, Communication & Society, Ausgabe 1 1998, S. 1-22
Der Derian, James: The (S)pace of International Relations: Simulation, Survaillance, and Speed, in: International Studies Quarterly, 1990, S. 295-310
Gray, Chris Hables: Postmodern War. The New Politics of Conflict, New York / London 1997
Schwartau, Winn: Information Warfare, 2.Auflage, New York 1996